
„Wenn du nicht weißt, woher du kommst, wirst du nie wissen, wohin du gehst…”
(aus Guyana)
Die afrikanischen Völker in ihrer Vielfalt und ihrem Reichtum an Kulturen und Traditionen sind eine sehr homogene, aber auch sehr unterschiedliche Gesellschaft. Der Einzelne, der in dieser Tradition lebt, hält an ihr fest, um Person zu werden und um Person zu sein, sie ist Teil seiner Identität. Der Ausspruch “bei uns in“... wird fast zum Ritual, um sich von anderen Einflüssen und Kulturen abzugrenzen.
Tradition zu haben und festzuhalten bedeutet: zu wissen, woher ich komme und wohin ich gehe. Ohne „Tradition“ sind wir nicht. Diese bindet uns ein in die Gesellschaft, in der wir leben, gibt uns Halt im Miteinander und auch Nebeneinander, und in unseren Beziehungen. Sie macht uns verläßlich. Sie ist wie ein Kodex, der unserem Leben Wegweisung für den Alltag gibt, und sogar darüber hinaus – für das Leben nach dem Tod. Tradition ist aber nicht statisch, sondern einer dauernden Veränderung und Anpassung unterworfen. Wir kehren nicht zur Tradition zurück, sondern diese wird dauernd verändert; wir passen uns dieser Veränderung, ohne es zu bemerken, an. Wir lernen Tradition und Kultur täglich neu.
Die Angst vor der „Globalisierung“ ist in uns allen tief verankert. „Meine Tradition“ möchte ich nicht verlieren, obwohl ich sie „dauernd verliere“. „Ich gehe nicht mehr zu Fuß – ich fahre mit dem Fahrrad oder Auto“, meine Eßgewohnheiten sind anders geworden durch Ernährungspläne, die mich überzeugt haben. Das Fernsehen rückt unsere Tradition aus dem Blickfeld; wir sehen anderes und werden anders.
Die meisten ersten Missionare hatten wenig Wissen und Verständnis für die tiefen inneren Zusammenhänge des afrikanischen Denkens und Lebens. Zum Beispiel wurde Tanzen
mit sehr negativen Worten beschrieben. Verglichen mit der „hohen“ Zivilisation Europas, waren diese Tänze als „fleischlich und teuflisch“ dargestellt. Jedoch ist keine Tradition oder Kultur „primitiv“ oder „unterentwickelt“, sondern Ausdruck einer Lebensweise.
Das Evangelium, Grund des Kommens der Missionare, bedeutete für den Afrikaner, wenn er die frohe Botschaft aufnahm, eine Entwurzelung aus dem, was sein Leben ausmachte. Noch immer ist der afrikanische Christ in seinem Alltag und besonders in seiner Ehe, im Konflikt mit dem, was seine „Tradition“ sagt und glaubt, und dem, was die „neue“, die biblische „Tradition“ ihm zum Lebensinhalt sein will.
Obwohl die „neue Tradition“ Freiheit von der Angst vor den Toten, Freiheit vom Joch der Magie, der Zauberei und des Okkulten gibt, ist die Furcht vor diesen Dingen nicht verschwunden.
Deshalb haben es unsere FLM-Mitarbeiter nicht leicht. Sie sind in einer dauernden Auseinandersetzung mit dem, was „war“, und dem, was das biblische Lebensziel für ihren Alltag, insbesondere die Ehe, neu aufzeigt.
Überall gibt es Tabus, „do’s and don’ts“. Viele Konzepte für Ehe und Familie, die wir für „normal“ erachten, sind gebrochene Regeln der Tradition. Mit seiner Frau reden, seiner Frau in die Augen sehen, in der Öffentlichkeit Hände halten, um nur einige zu nennen.
„Man vertraut seiner Frau Geheimnisse erst dann an, wenn sie über 50 Jahre alt ist, sie kann diese nicht mehr wegtragen“, sagt die Tradition. Dann ist sie zu alt, um sich ein neues Leben aufzubauen. „Treue“ in der Ehe ist ein Fremdwort. Das Wort, „bis der Tod euch scheidet“, hat keine Bedeutung. Keine Kinder zu haben ist Scheidungsgrund“.
Deshalb ist Gewalt in der Ehe, die Verstümmelung der weiblichen Genitalien so schwer zu eliminieren. „Eine Frau, die nicht beschnitten ist“, sagte mir einmal eine junge Frau, „ist keine richtige Frau“. In 26 von 43 Ländern Afrikas wird sie praktiziert. In manchen Ländern haben über 90 % aller Frauen diese

Verstümmelung (trotz gesetzlicher Verbote) erlitten. Eine Werbekampagne der Regierung in Burkina Faso gegen Gewalt in der Familie, die Beschneidung von Mädchen, das Verhindern von Mädchen am Schulbesuch, sexuelle Gewalt in der Ehe und am Arbeitsplatz und die Ausgrenzung von Aids-Kranken, zeigt, wie enorm die Schwierigkeiten sind. Im Kongo haben mir Frauen berichtet, daß ihre Männer darauf bestehen, daß sie Sand oder Puder vor dem Koitus in die Vagina einführen, damit die „Reibung“ und das Lustgefühl des Mannes erhöht sei.

Tradition ist eine ungeheuere Herausforderung an die Christen in Afrika. Es ist oft ein Leben zwischen zwei Welten. Tradition ja ... aber welche behalten?
Welche aufgeben? Sie ist Halt und Last zugleich.
Die Tatsache, nach dem Bild Gottes geschaffen und ein Gedanke Gottes zu sein, ist die große Herausforderung an unsere Freunde von FLM in Afrika. Das Bild Gottes zu leben und als Zeuge weiterzugeben, d.h. biblische Werte weiterzugeben, an ihnen festzuhalten, sie vorzuleben, wird oft als ein Nicht-Achten der Tradition gesehen.
Immer wieder aber bezeugen unsere Geschwister den Sieg des Kreuzes über die Traditionen, und wir sind gerufen, sie dabei zu tragen, ihnen zu helfen durch Gebet und Gaben.
Volker Gscheidle
Family Life Mission