Nachdenkliches
Seelsorge und Begleitung im Familien- und Freundschaftskreis
Anregungen zu neuen Wegen
"Ich kann es nicht ertragen, daß ihr seine (Jesus) Worte nicht hört und seine Liebe nicht spürt!"
Dieser Satz, sinngemäß wiedergegeben, stammt aus dem Kinoklassiker "Ben Hur". Die Verlobte des Fürsten von Hur sprach diese tiefe Seelsorge vor der leprakanken Schwiegermutter aus.
Ein starker Satz, der herausfordert!
Diese tiefe Gläubigkeit verwandelte nicht nur Ben Hur, sondern traf auch mich mitten ins Herz! Natürlich, ich stehe ständig in der Verkündigung und Seelsorge im Religionunterricht, bei den Konfirmanden, im Gottesdienst und in vielen Einzelgesprächen, aber wie sieht es mit meinen Lieben aus, die Jesu Worte und Liebe nicht kennen? Habe ich nicht schon resigniert? Kann ich es noch immer ertragen, daß sie ohne "das Leben" durch das Leben gehen?
Wieviel Sorge treibt mich um die Seelen? Was ist mit den Freunden und Mitchristen, die sich vom Glaubensweg entfernt haben?
Nicht verunsichern lassen.
Wenn ich diese Frage stelle, dann fallen mir direkt Vorwürfe ein, die man mir mit diesen Aussagen macht: So was von intolerant, wie kann der wissen, ob der andere wirklich vom Glauben abdriftet und ob der nicht nur einen freieren Weg im Glauben geht. Jeder soll doch so leben und glauben, wie er will. Hauptsache, er ist glücklich.
Selbstverständlich dürfen wir unseren Lebensstil nicht zum Maßstab für den Glauben eines Menschen machen.
Liebe und Wahrheit dürfen nicht auseinanderfallen. Wir Christen sind nur dann in der Lage, in rechter Weise zu sorgen, wenn wir unser Verhalten und unsere Worte Jesus der Quelle aller geistlichen Frucht und Weisheit "abringen". Damit meine ich, daß wir sehr sensibel unsern Herrn fragen müssen. Er schenkt das Wollen und das Vollbringen.
Übrigens brauchen wir uns nicht immer für unser Sorgen zu entschuldigen:
1. Wir haben einen klaren und eindeutigen Auftrag und werden auch dafür zur Verantwortung gezogen.
2. Es ist viel leichter. alle einfach laufen zu lassen. Aus biblischer Sicht ist es lieb- und verantwortungslos – ja geradezu ein Verbrechen – wenn wir uns nicht seelsorgerlich um unsere Mitmenschen kümmern.
3. Toleranz ist erst dann Toleranz, wenn man einen klaren Standpunkt hat, den man vertritt, aber den anderen als Menschen trotz anderer Meinung ernst nimmt und erträgt. Intolerant sind gerade die Menschen, die andere, die eine klare Meinung vertreten, als Fundamentalisten hinstellen. In unserer Zeit und auch in der evangelischen Kirche scheint es keinen schlimmeren Vorwurf zu geben, als den, intolerant zu sein – wobei in der Regel der falsche Toleranzbegriff im Spiel ist.
4. Wir sind überzeugender, wenn wir fröhlich, eindeutig, aber standhaft leben. Wir sind nicht besser als andere, wenn wir uns eindeutig zu Christus bekennen, aber trotzdem brauchen wir nicht ständig eine Bücklingshaltung einzunehmen, wenn man uns in Frage stellt.
Jeder Christ ein Seelsorger
In Matthäus 28, 19 steht: "... ruft alle Menschen in meine Nachfolge" (Hoffnung für alle). Nachfolge oder Jünger sein bedeutet immer, im Kreis von "himmlischen" Geschwistern das fortzuführen, was Jesus begonnen hat. Er kam auf die Welt, um den Menschen zu begegnen und sie zu begleiten.
Liebe ergibt sich nie aus Druck und Zwang. Mit Jesu Einfühlsamkeit und Kraft kann es nur zur Frucht kommen.
Nur in der positiven und freiwilligen Abhängigkeit von unserem treusorgenden Gott gelingt Seelsorge. Dies bedeutet, wie Jesus die Einsamkeit im Gebet zu suchen und in der Schrift zu forschen. Bitte verkrampfen Sie sich bei dieser Voraussetzung nicht, weil Sie ein schlechtes Gewissen bekommen. Es ist ganz natürlich, daß wir immer wieder Zeiten haben, in denen wir keine treuen Beter sind. Denken Sie daran, daß wir als Christen jeden Tag neu anfangen können. Schauen Sie nicht zurück, fangen Sie heute wieder von neuem an und morgen auch wieder.
Begleitung im engsten Kreis, aber wie?
In frommen Kreisen neigt man dazu, vieles zu sehr zu vergeistlichen. Viele Lösungen ergeben sich, wenn die menschlichen Bedürfnisse und Bedingungen verbessert werden. Nehmen Sie eine junge Mutter in ihrem Bekanntenkreis, die keine Verwandten in der Nähe hat. Sicherlich soll man für sie kräftig beten, denn sie hat einiges zu bewältigen. Sie ist möglicherweise aus dem Berufsleben ausgeschieden und hat jetzt die große Verantwortung für einen neuen Menschen übernommen. Stillen und wenig Schlaf behindern ganz gewaltig auch das geistliche Leben. Kaum einmal Ruhe, um die Bibel zu lesen, kaum einmal Zeit für sich allein. Seelsorgerliche Begleitung kann dann auch heißen, daß ich nachfrage, ob man praktisch helfen kann. Ein Stadtbummel oder eine Stunde in einem hübschen Cafe kann das innere Gleichgewicht manchmal schneller wiederherstellen, als wenn "nur" gebetet wird.
Wenn man die Bibel nach den Stellen absucht, wo Gott auf rein menschliche Bedürfnisse eingegangen ist, wird man einiges im Glaubensdenken korrigieren müssen. Das Vorbild zählt um so mehr, desto enger die Beziehungen sind. Das heißt gleichzeitig, daß man viel weniger sagen soll, desto intensiver der Kontakt zu den Menschen ist.
Überzeugungskraft geschieht an dieser Stelle in Wort und Tat des Alltags. Das richtige Verhalten zum richtigen Zeitpunkt muß Gott zeigen.
Wenn zu intensiv für christliche Veranstaltungen geworben wird, macht man sich unter Umständen z. B. von den Kindern erpreßbar. Um manches emotional abzufedern, hilft ein Brief. In ihm können die persönliche Betroffenheit, die Wünsche und die Gründe ausgedrückt werden. Der Leser kann in aller Ruhe sich die Sachen durch den Kopf gehen lassen und dann reagieren, wenn er es sich vorstellen kann.
Die Spannbreite der Möglichkeiten für die Seele zu sorgen ist groß. Eine Form scheint mir noch in vielen Fällen zu sehr unterentwickelt – der Humor. Gezielt eingesetzt, zur eigenen Person paßend und der Situation angemessen, kann er ein guter Türöffner sein.
Offenheit und Ehrlichkeit sollten der Grundtenor meines Verhaltens sein. Die Menschen spüren, ob jemand sie irgendwohin schieben will. Jesus hat seine Ziele und seine Meinung offen ausgedrückt und somit wußte jeder, wo er dran war. Hilfsangebote sollten grundsätzlich vorsichtig angeboten werden. "Wäre es Dir recht...?" "Könnte ich Dir...?" "Dürfte ich Dir einen Rat geben?"
Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Seelsorge muß immer den ganzen Menschen im Blickfeld haben. Es darf sich nicht nur auf den Glaubensstand des anderen beschränken. Leib und Seele bilden eine Einheit. Wie lebt der Mensch um den ich mich sorge? Wie sieht sein Alltag aus? Mit wem hat er Kontakt oder ist er einsam?
Segnen Sie immer wieder die schwierigen Personen. Zu segnen heißt, ihnen Gutes zu wünschen. Man kann sie der Obhut und Liebe Gottes anvertrauen. Dabei kann es geschehen, daß sich die eigene Einstellung zum Positiven verändert und damit die Voraussetzung für eine gute Begegnung ergibt.
Lutz Barth